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KI Managed Legacy Service

Experteninterview: Legacy-Systeme mit KI modernisieren

So gelingt die Modernisierung von Legacy-Systemen mit Künstlicher InteIligenz. Wie der Retrofit-Ansatz Ihre IT compliant macht.

Sebastian Grundhöfer ist bei 7P Experte für die Modernisierung kritischer IT-Infrastrukturen. Wer ein Legacy-System versteht, hat es noch nicht modernisiert. Aber er kann zum ersten Mal Entscheidungen auf fundierter Basis treffen. Im zweiten Teil unseres Interviews erklärt Sebastian Grundhöfer, wie 7P den Schritt vom Befund zur Umsetzung mit KI-Einsatz gestaltet und worin sich „Legacy Retrofit“ von einem klassischen Rewrite unterscheidet.

Zum ersten Teil des Interviews

Produktkonzept Legacy Retrofit statt Neubau

Frage: „Legacy Retrofit“ ist ein Begriff, den ihr bei 7P aktive prägt. Was steckt dahinter?

Sebastian Grundhöfer: Wir modernisieren nicht aus Prinzip alles neu. Stattdessen machen wir ein bestehendes System gezielt wieder anschluss- und einsatzfähig für neue Anforderungen.

Ein klassischer Neubau (Rewrite) mag auf den ersten Blick die einfachste Lösung sein, ist in der Praxis aber hochgradig riskant. Er geht mit immensen Kosten und extrem langen Projektlaufzeiten einher. Zudem wird oft vergessen, dass bei einem vollständigen Neubau tief vergrabenes undokumentiertes Fachwissen verloren geht.

Retrofit sucht dagegen gezielt nach minimalinvasiven Eingriffspunkten. Wir ermitteln präzise, welche Systembestandteile kritisch sind und wo künftige Anpassungen blockiert werden. Gleichzeitig prüfen wir die Wirksamkeit vorhandener Schnittstellen und Teststrukturen. Auf dieser Grundlage geben wir eine klare Empfehlung, an welchen Stellen eine Kapselung, Modernisierung oder Ablösung erfolgen sollte.

Frage: Für wen ist „Legacy Retrofit“ gedacht und wie sieht ein typisches Kundenprofil aus?

Sebastian Grundhöfer: Das typische Kundenprofil begegnet uns überall dort, wo die IT das Rückgrat der Kernprozesse bildet. Betroffen sind hochregulierte Märkte ebenso wie die verarbeitende Industrie oder der öffentliche Sektor. In diesen Organisationen laufen Systeme oft seit Jahren äußerst zuverlässig, sind im Laufe der Zeit jedoch träge und schwer veränderbar geworden.

Charakteristisch ist eine hohe fachliche Relevanz des Systems bei gleichzeitig veralteter Technologiebasis. Wenn das verbliebene Wissen dann nur noch bei einzelnen Schlüsselpersonen liegt, wird jede geplante Neuerung zum Kraftakt. Der Handlungsdruck entsteht in der Regel durch externe Faktoren. Neue Anforderungen aus der Cloud-Strategie oder strengere Sicherheits- und Regulierungsvorgaben lassen sich mit der bestehenden Infrastruktur schlicht nicht mehr flexibel umsetzen.

Frage: Wie läuft ein solches Projekt in der Praxis ab?

Sebastian Grundhöfer: Wir gliedern den Ablauf in drei klare Phasen: Analyse, Pilotierung und Umsetzung.

In der Analysephase schaffen wir mithilfe des Fast Checks vollständige Transparenz. Wir durchleuchten die Systemarchitektur und machen konkrete Abhängigkeiten und Betriebsrisiken sichtbar.

In der zweiten Phase erarbeiten wir eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Dazu ermitteln wir für die einzelnen Systemkomponenten die wirtschaftlichste Option, sei es Kapseln, Refactoring, Migration oder Weiterbetrieb, und stellen die jeweiligen Aufwände gegenüber. Anschließend setzen wir in der dritten Phase einen kontrollierten Piloten um. Ein klar abgegrenzter Bereich wird modernisiert, um das Vorgehen, das Tooling und die Governance im Echtbetrieb zu validieren, bevor das Modell skaliert wird.

KI in der Umsetzung und die „Black-Box“-Problematik

Frage: Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen mitbringen, um KI-gestützte Modernisierung überhaupt nutzen zu können?

Sebastian Grundhöfer: Aus technischer Sicht ist ein sicherer Zugriff auf alle relevanten Artefakte erforderlich. Dazu zählen Quellcode, Build-Prozesse, Datenmodelle und Schnittstellendokumentationen. Viele Organisationen unterschätzen, wie verteilt diese Bausteine im Unternehmen liegen.

Zusätzlich ist eine geschützte Umgebung erforderlich, da sensible Geschäftslogik niemals in öffentliche KI-Tools fließen darf. Nicht zuletzt ist eine realistische Erwartungshaltung entscheidend: KI kann dabei helfen, viel schneller Struktur in ein System zu bringen. Sie kann jedoch nicht über Nacht aus einem schlecht gepflegten System ein modernes Produkt machen.

Frage: In welchen Phasen der Umsetzung spielt KI heute die größte Rolle und wo siehst du das Potenzial für die Zukunft?

Sebastian Grundhöfer: Derzeit sehen wir den größten Hebel in der Analyse und Qualitätssicherung. Zur Qualitätssicherung gehört das automatisierte Generieren von Tests, um das fachliche Verhalten des Altsystems abzusichern. Das ist für eine gefahrlose Modernisierung essenziell.

In den nächsten zwei Jahren sehe ich das größte Potenzial in agentischen Workflows. Spezialisierte KI-Agenten werden Teilaufgaben wie Code-Refactorings oder die Erstellung von Dokumentationsentwürfen eigenständig vorbereiten. Es gilt jedoch weiterhin die Devise: „Human in the Loop“.

Frage: Wie geht ihr mit der „Black Box“-Problematik von KI um? Bleiben Entscheidungen nachvollziehbar und auditierbar?

Sebastian Grundhöfer: Indem wir KI niemals als letzte Entscheidungsinstanz behandeln. Sie macht Vorschläge und bereitet Arbeit vor, aber jede finale Entscheidung wird dokumentiert und bleibt nachvollziehbar.

In regulierten Branchen reicht ein plausibel klingendes Ergebnis nicht aus, es muss auch vollumfänglich prüfbar sein. Deshalb werden alle KI-Ergebnisse versioniert, validiert und von unseren Experten gegengeprüft. Nur so bleibt der gesamte Prozess auditierbar.

Frage: Gibt es klare Grenzen, bei denen du sagst, man sollte hier besser keine KI einsetzen?

Sebastian Grundhöfer: Ja, ganz klar. Ich würde KI nicht an Stellen einsetzen, an denen hochsensible Daten verarbeitet werden oder eine fachliche Überprüfung der Ergebnisse technisch nicht möglich ist. Auch bei produktiven Änderungen an kritischen Systemen rate ich zur Vorsicht. KI-generierter Code muss denselben strengen Qualitäts- und Sicherheitsprozessen unterliegen wie von Menschen geschriebener Code. In kritischen Kontexten darf KI lediglich unterstützend wirken, jedoch keinesfalls eigenständig Entscheidungen treffen.

Regulatorik und Digitale Souveränität

Frage: DORA, NIS2, BAIT, der regulatorische Druck steigt. Ist Regulatorik eher Treiber oder Bremse?

Sebastian Grundhöfer: Beides. Sie bremst, wenn Unternehmen sie nur als lästige Dokumentationspflicht betrachten. Richtig verstanden wird sie jedoch zum starken Beschleuniger.

Die Vorgaben zwingen Unternehmen, die Resilienz ihrer Systeme gründlich zu hinterfragen und personelle sowie technologische Abhängigkeiten offenzulegen. Im Kern greift die Regulatorik klassische Modernisierungsfragen auf und macht Probleme sichtbar, die technisch oft schon lange bestehen.

Frage: Wie sichert ihr ab, dass KI-gestützte Ansätze diese strengen Anforderungen nicht kompromittieren? Welche Rolle spielt Digitale Souveränität dabei?

Sebastian Grundhöfer: Für uns ist das ein kontrollierter Engineering-Prozess mit isolierten Datenräumen und klaren Review-Konzepten. Konkret bedeutet digitale Souveränität, dass wir jederzeit die volle Kontrolle darüber behalten, wo sich unser Code befindet und welche Modelle genutzt werden.

Bei kritischen Systemen geht es um Kernlogiken und Sicherheitsarchitekturen. Diese kann man nicht unbedacht an globale Plattformen auslagern. Für europäische Unternehmen muss Datenschutz ein fester Bestandteil der IT-Architektur sein.

Ausblick und persönlicher Rat

Frage: Was ist der konkrete Business Case für den Kunden und welche Ergebnisse sind realistisch?

Sebastian Grundhöfer: Der Business Case bemisst sich primär an den beiden Faktoren Risikominimierung und zurückgewonnener Entwicklungsgeschwindigkeit. Der größte Mehrwert liegt jedoch in der fundierten Entscheidungsfähigkeit. Anstatt wie früher aus dem Bauch heraus oder unter politischem Druck zu handeln, schaffen faktenbasierte Analysen Klarheit darüber, wo eine Kapselung ausreicht und an welchen Stellen eine gezielte Migration erforderlich ist.

Beim Thema Kosten bin ich mit pauschalen Versprechen bewusst vorsichtig. In der Analyse- und Vorbereitungsphase spart KI jedoch messbar Zeit. Der eigentliche wirtschaftliche Hebel liegt jedoch darin, teure Fehlentscheidungen im späteren Projektverlauf zu verhindern. Deshalb starten wir nie mit einer ungeprüften Großinvestition, sondern etablieren vor der Umsetzung erst eine verlässliche Diagnose und erproben das Vorgehen schrittweise an einem abgegrenzten Piloten.

Frage: Wo werden Unternehmen in fünf Jahren stehen und was wird die erfolgreichen von den anderen unterscheiden?

Sebastian Grundhöfer: Ich glaube, dass wir in den nächsten fünf Jahren einen deutlichen Unterschied sehen werden.

Die erfolgreichen Unternehmen werden ihre Legacy-Systeme nicht zwingend vollständig abgeschafft haben. Sie haben diese jedoch durchleuchtet, sauber dokumentiert und in eine moderne Architektur integriert. Sie wissen genau, welche Teile kritisch sind und wie Änderungen kontrolliert umgesetzt werden können.

Die anderen werden weiterhin Systeme betreiben, die zwar irgendwie laufen, aber jede dringend benötigte Veränderung blockieren.

Frage: Gibt es etwas, das du in dieser Diskussion noch nie gefragt wurdest, aber unbedingt sagen möchtest?

Sebastian Grundhöfer: Auf jeden Fall. Bei Legacy reden wir zu oft über Technologie und viel zu wenig über Verantwortung.

Viele dieser Systeme laufen seit Jahren stabil, weil sie ursprünglich sehr gut auf ein konkretes Problem zugeschnitten waren. Im Laufe der Zeit verändert sich jedoch das Umfeld, während das System unverändert bleibt. In Legacy-Systemen steckt ein enormer fachlicher Wert. Es geht nicht darum, alles, was bisher gemacht wurde, schlechtzureden. Vielmehr muss der existierende Wert gesichert und das System modernisiert werden, um auch in Zukunft leistungsfähig zu bleiben.

Frage: Was ist dein abschließender, persönlicher Rat an einen CIO oder CDO, der morgen mit der Modernisierung starten muss?

Sebastian Grundhöfer: Nicht mit dem großen Rewrite anfangen.

Mein Rat lautet: Starten Sie mit Transparenz. Wählen Sie ein geschäftskritisches System aus, bei dem der Veränderungsdruck hoch ist. Verschaffen Sie sich eine belastbare Außensicht auf die Bereiche Architektur, Risiken, Testlage und Security-Themen. Auf dieser Faktenbasis treffen Sie Ihre Entscheidungen.

Und binden Sie unbedingt die Menschen ein, die das System heute kennen. Das klingt selbstverständlich, wird in der Praxis aber erstaunlich oft vergessen.

*Im ersten Teil des Interviews spricht Sebastian darüber, warum Transparenz vor jedem Modernisierungsschritt stehen muss und wie der ***„**Legacy Fast Check“ dabei hilft.

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